Magere Zeiten im Ersten Weltkrieg

„Die deutsche Familie ist jetzt vor die Aufgabe gestellt, mit allem Ernst und Pflichtgefühl den Kampf gegen den englischen Aushungerungsplan aufnehmen zu müssen. England will die deutschen Familien dem Hunger preisgeben; das, was auf dem Schlachtfelde nicht erreicht werden konnte, soll jetzt durch den Aushungerungsplan herbeigeführt werden: Deutschlands Vernichtung.“

Mit diesem Paukenschlag der Propaganda wird das Badische Kriegskochbüchlein von Emma Wundt eingeleitet, ein 1915 vom Badischen Frauenverein veröffentlichtes Rezeptbuch. Schon im ersten Kriegsjahr hatte sich die Versorgungslage dramatisch verschlechtert. Ein schneller Sieg war erwartet – für eine längere Kriegsdauer waren keine Vorbereitungen getroffen und die Effektivität der alliierten Blockade war gefährlich unterschätzt worden. Im ersten Schritt empfahl also das Kriegskochbüchlein die Speisezubereitung mit ausschließlich heimischen Nahrungsmitteln, die höchst sparsam verwendet werden sollten, und bot 96 Rezepte dazu an.

Dem Bemühen, breite Schichten der Bevölkerung zu sparsamem Wirtschaften anzuleiten, verdankte die vom Badischen Frauenverein schon seit der Jahrhundertwende propagierte Kochkiste ein Spezialkochbuch. Die Kochkiste ist ein mit Isoliermaterial – Heu, Stroh oder Holzwolle – ausgekleidetes Behältnis, in das man Töpfe, deren Inhalt zum Kochen gebracht worden war, einstellte. Bei geschlossenem Deckel konnten die Speisen ohne weiteren Einsatz von Energie weiter- bzw. fertiggaren und über vier bis fünf Stunden hinweg warm gehalten werden. In den Mangelzeiten des Ersten Weltkriegs wurde die Kochkiste besonders propagiert. Und konnte zugleich noch den Vorteil gesunder Ernährung für sich beanspruchen. Schon Marie Silbermann hatte darauf hingewiesen: „Es ist daher der Selbstkocher (Kochkiste), der ein langsames Aufschließen der Nährstoffe bei geringer Temperatur ermöglicht, allen Hausfrauen aufs wärmste, nicht allein vom Standpunkte der Bequemlichkeit, sondern auch vom gesundheitlichen Gesichtspunkte der richtigen Zubereitung der Nahrung, zu empfehlen.“

Im Lauf des Jahres 1916 wurden Kartoffeln, Zucker, Fleisch und Fett rationiert. Konsumbeschränkung reichte nicht mehr aus, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Nun wurden Lebensmittel „gestreckt“ und „Ersatzspeisen“ in den Speiseplan aufgenommen. „Neue“ bzw. neu nutzbar gemachte Lebensmittel wurden verarbeitet, z.B. Bucheckern oder Obstkerne als Fettquelle oder Brennessel und Melde als Gemüse.

Käthe Birkes Kochbuch Die Fleischlose Küche in der Kriegszeit nebst einfachen Fischgerichten erschien mit 645 Rezepten 1917 im G. Braun Verlag in Karlsruhe. Hier werden vegetarische Fleischersatzspeisen aus Getreide, Kartoffeln oder Gemüse vorgestellt. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass man Fleischersatz als industriell hergestellte Konserve kaufen und sich damit Arbeit ersparen könne, z.B. die grießförmige „Bratenmasse“, auch bekannt als „Pflanzenfleisch“, die vor der Weiterverarbeitung zu steifem Brei gekocht wird und zudem bereits fertig gemischt und gewürzt sei. „In Friedenszeiten haben wir diese Speisen in reichlich heißem Fett gebraten“, fährt die Verfasserin fort, „und es muß ohne weiteres zugegeben werden, daß sie mit der dadurch erzielten kroßbraunen Rinde sehr einladend sind. Doch lassen sie sich auch ganz ohne oder mit sehr wenig Fett bereiten.“ Und wer die Bratlinge „nicht gleich auf der Höhe des Wohlgeschmackes“ zubereiten könne, solle sich nicht entmutigen lassen: Übung macht den Meister. Einige Seiten weiter gibt es Rezepte nach dem Ideal eines Kriegskuchens: „Ohne Butter, ohne Mehl, ohne Milch. Auch Eier müssen sparsam benutzt werden. [...] Für Mehl wird an erster Stelle unsere treue Helferin in der Kriegsküche, die Kartoffel verwendet ...“.

Mit Kriegsende verbesserte sich die Versorgungslage nicht. Das Bewirtschaftungssystem für Lebensmittel wurde beibehalten, Grundnahrungsmittel waren noch bis Ende 1920 rationiert. Folglich erschienen auch in dieser Zeit noch Kochbücher für die Mangelernährung. Emma Kromer und Hedwig Neumeier betonen in ihrem 1919 veröffentlichten Kochbuch: „Die Kochbücher, die uns aus Friedenszeiten erhalten geblieben sind, werden nur mehr den Wert alter Märchenbücher aus dem Schlaraffenland haben, und die Dutzende neuer Kochbücher, die im Krieg entstanden sind, sollen für spätere Generationen aufbewahrt bleiben als Zeugnis des guten Willens der deutschen Hausfrau, die Schwierigkeiten der Ernährung zu überwinden, welche die brutale Kriegsführung unserer Feinde durch die grausame Hungerblockade in jede einzelne Familie trug. Sie dürfen aber nicht mehr benützt werden, denn es gilt, die schweren Folgen der Unterernährung, die sich im ganzen Volke unabsehbar und erschreckend bemerkbar machen, zu heben durch eine vernünftige und planmäßige Ernährung.“

Lit.: Roerkohl; Anne: Die Lebensmittelversorgung während des Ersten Weltkrieges im Spannungsfeld kommunaler und staatlicher Maßnahmen. In: Durchbruch zum modernen Massenkonsum. Lebensmittelmärkte und Lebensmittelqualität im Städtewachstum des Industriezeitalters. Hrsg. von Hans Jürgen Teuteberg. Münster 1987, S. 309-370; Lesniczak, Peter: Alte Landschaftsküchen im Sog der Modernisierung. Studien zu einer Ernährungsgeographie Deutschlands zwischen 1860 und 1930. Stuttgart 2003, S. 157-164, S. 161f. zu Emma Wundt; Verk, Sabine: Kochbücher aus Kriegs- und Krisenzeiten. In: Dies.: Geschmacksache. Kochbücher aus dem Museum für Volkskunde. Berlin 1995, S. 78-88.

 

Exponate:

010 001

10.1

Kochbüchlein für die Benützung der Kochkiste.
Hrsg.: Badischer Frauenverein.
Karlsruhe: C. F. Müller, 1903.

77 Rezepte für Suppen, Fleischspeisen, Gemüse etc. bietet das Kochbüchlein jeweils mit Angabe der Vorkochzeit und der Garzeit in der Kochkiste. Zum Beweis der Sparsamkeit bei der Zubereitung sind auch die Preise für die Zutaten pro Gericht summiert.

Badische Landesbibliothek: 98 B 77004 RH
Provenienz: Schlossbibliothek Baden-Baden

Link zum Volltext

010 002

10.2

Kochbüchlein für die Benützung der Kochkiste.
Hrsg.: Badischer Frauenverein.
Karlsruhe: C. F. Müller, 1903.

Badische Landesbibliothek: 98 B 77003 RH
Provenienz: Schlossbibliothek Baden-Baden

Nicht in der Ausstellung

010 003

10.3

Kochbüchlein für die Benützung der Kochkiste.
Karlsruhe: C. F. Müller, 1907.

Badische Landesbibliothek: 42 A 1940

Link zum Volltext

  010 004

10.4

Kochkiste
Anfang 20. Jh.

Badisches Landesmuseum: 2011/1002
Foto: Th. Goldschmidt

010 005

10.5

Badisches Kriegskochbüchlein. Winke für die Hausfrauen während der Kriegszeit.
Mit Unterstützung der Großherzoglichen Regierung hrsg. vom Badischen Frauenverein. Bearbeitet von Emma Wundt.
Karlsruhe: C. F. Müller, 1915.

„Das Büchlein soll den Hausfrauen ein Ratgeber dafür sein, wie sie die Küche den Anforderungen, die der Krieg gebracht hat, anpassen können. Es zeigt, daß es möglich ist, einem Mangel an Mehl, Fett und Fleisch Rechnung zu tragen und doch Speisen zu bereiten, die uns kräftig und gesund erhalten, die aber auch die gewünschte Abwechslung in dem Küchenzettel gestatten.“ Vor allem die Kartoffel sollte den Mangel kompensieren. Die Rezepte sind einfach gehalten, setzen aber vielfach die Verfügbarkeit von Zutaten wie Fett, Eiern und Fleisch voraus, die längst nicht mehr gegeben war.

Badische Landesbibliothek: O 42 A 588
Zweites Exemplar: 91K 328

Link zum Volltext

010 006

10.6

Birke, Käthe:
Die Fleischlose Küche in der Kriegszeit nebst einfachen Fischgerichten.
Karlsruhe: Braun, [1917].

Badische Landesbibliothek: 111 A 71435

Link zum Volltext

010 007

10.7

Mitteilungen an unsere zur Fahne einberufenen Beamten & Arbeiter.
Karlsruhe-Grünwinkel: Sinner.
Nr. 1 vom 16.9.1914 – Nr. 125 vom 10.12.1918.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Firma von Georg Sinner in Grünwinkel zum Nahrungsmittelkonzern. Hergestellt wurden vor allem Hefe, Spiritus, Backhilfs- und Nährmittel, Eis-, Creme- und Puddingpulver, außerdem Speisewürze, Haferflocken, Likör und Marmelade.

Für ihre weit über tausend Mitarbeiter gab die Firma für die gesamte Dauer des Ersten Weltkriegs eine Firmenzeitung heraus, die die Verbundenheit zwischen den im Felde Stehenden und den zu Hause Weilenden aufrechterhalten sollte. Zugleich konnte jeder Kriegsteilnehmer auf diesem Weg vom Schicksal seiner Kollegen Kenntnis erhalten. Mitgeteilt wurde, wer den Heldentod starb, wer vermisst oder verwundet, wer versetzt und wer ausgezeichnet wurde. Diese Personalmitteilungen machten den eigentlichen Wert des Nachrichtenblattes für seine Leser aus.

Badische Landesbibliothek: OZB 1092
Vorbesitzer: Werkbücherei der Sinner-A.G.

Link zum Volltext

010 008

10.8

Einige bewährte Back-Rezepte, den jetzigen Verhältnissen entsprechend zusammengestellt.
Karlsruhe-Grünwinkel: Sinner, [circa 1920].

Ein Werbekochbuch mit Rezepten, die nur unter Verwendung der bewährten Sinner-Nährmittel gelingen konnten. Behauptet wird, die Rezepte bezögen sich noch auf die kriegsbedingt nur rationiert zur Verfügung stehenden Zutaten; davon kann allerdings angesichts der reichlichen Verwendung von Butter, Mehl und Eiern nicht wirklich die Rede sein.

Badische Landesbibliothek: 88 K 3177

Link zum Volltext

010 009

10.9

Kromer, Emma, und Hedwig Neumeier:
Mahlzeit! Das Kochbuch für alle.
Mannheim, Berlin, Leipzig: Bensheimer, 1919.

Auch die beiden Verfasserinnen dieses Kochbuchs, Vorsitzende des 1915 gegründeten Hausfrauenbundes Mannheim die eine und Vorsitzende des Hausfrauenvereins Heidelberg die andere, propagieren die Kochkiste als „treue Stütze der geplagten Hausfrau“. Vor allem aber ging es ihnen darum, die Führung der Küche durch die deutsche Hausfrau zu rationalisieren – und zu professionalisieren: „Die Arbeit der Hausfrau ist eine große, schwierige und nicht immer eine dankbare. Aber der Krieg hat doch gelehrt, den Wert der Hausfrauenarbeit besser zu würdigen und zu verstehen. Die Hausfrauen müssen sich immer mehr auf den Standpunkt stellen, daß ihre Arbeit auch eine Berufsarbeit ist ...“. Das war explizit auch eine politische Forderung, wie der Aufruf des Verbandes deutscher Hausfrauenvereine im Rückdeckel des Buches signalisiert.

Badische Landesbibliothek: 115 E 1262

Link zum Volltext

010 010

10.10

Grünkern-Kochbüchlein.
Hrsg. von der Badischen Landwirtschaftskammer Karlsruhe und der Arbeitsgemeinschaft Badischer Grünkernerzeuger in Boxberg.
Karlsruhe: Badische Landwirtschaftskammer, [1933].
(Schriften der Badischen Landwirtschaftskammer. 18)

Grünkern, auch „Badischer Reis“ genannt, ist das Korn des Dinkels, das halbreif geerntet und unmittelbar darauf auf der Grünkerndarre künstlich getrocknet wird. Hauptanbauregion ist das Bauland im Nordosten Badens zwischen Odenwald und Tauber, wo Grünkern schon Mitte des 18. Jahrhunderts als Marktware angeboten wurde. Grünkern wird ganz oder geschrotet in Suppen und als Bratling verwendet.

Das vorliegende Kochbuch der Bauländer Erzeugergemeinschaft bietet auch Rezepte für Maultaschen mit Grünkernfüllung, für Grünkernpudding und Grünkernauflauf. Im Anhang finden sich Grünkern-Rezepte der Firmen Maggi (Grünkernsuppenwürfel) sowie Knorr und Hohenlohe (Grünkernmehl und -flocken), von denen auch Werbung enthalten ist.

In der Zeit der Dritten Reiches hatte Grünkern Hochkonjunktur als „deutsche Suppenfrucht“, die die deutsche Küche von der Einfuhr ausländischen Getreides unabhängig zu machen helfen sollte. Auch aufgrund seines Images als „Ersatzstoff“ und Nahrungsmittel in Mangelzeiten ging seine Verwendung nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Heute ist Grünkern selbstverständlicher Bestandteil einer gesundheitsbewussten Vollwertkost.

Badische Landesbibliothek: OZA 636,18
Vorbesitzer: Badischer Landtag

Link zum Volltext

010 011

10.11

Der Bibeliskäse und was man daraus machen kann! Ein praktisches Rezeptbuch.
Hrsg.: Breisgau.-Milchzentrale GmbH, Freiburg i.Br.
[Freiburg i.Br.: Breisgau-Milchzentrale, ca. 1933].

Bibeliskäse ist die alemannische Bezeichnung für Speisequark und unter dieser Bezeichnung eine badische und elsässische Spezialität.

„Nahrhaft, billig uns gesund!“ Mit diesem Slogan warb die Breisgau-Milchzentrale GmbH in Freiburg, 1930 gegründet, für ihre Erzeugnisse. Zur Verbreitung ihrer Molkereiprodukte gab sie Anfang der 1930er Jahre dieses Kochbuch heraus, das Suppen, Hauptgerichte, Süßspeisen, Brotaufstriche und Kuchenrezepte umfasst. Verbunden wurde die Werbung mit einem Aufruf politischer Natur:

„Sparsam haushalten ist das Gebot der Stunde! Jede Hausfrau kann es bei reichlicher Verwendung von Milch und deren Erzeugnisse, wie Rahm, Joghurt, Speisequark (Bibeliskäse) und Badischer Markenbutter. Diese sind die bekömmlichsten und wertvollsten Nahrungsmittel. Die Hausfrau unterstützt gleichzeitig die heimische Landwirtschaft in ihrem Existenzkampf, wenn sie diese Erzeugnisse bezieht von der Breisgau-Milchzentrale G.m.b.H. ...“

Badische Landesbibliothek: 116 H 260
Vorbesitzer: Hermann Kuner, Gartenbaubetrieb, Schonach/Schwarzwald
Geschenk Beatrix Braun, Ettlingen

Link zum Volltext

© Badische Landesbibliothek 2016. Autorin: Dr. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Wenn Sie auf das entsprechende Image klicken, erhalten Sie es in der Großansicht.